Menschliche und künstlerische Kohärenz in der Tiefenpsychologie, Selbstporträtierung sowie musikalischer Komposition

Im Juni dieses Jahres habe ich 500 Seiten ausgedruckt, die ich in den Monaten davor geschrieben hatte. Dabei handelte es sich um einen Prozess, in welchem ich mein Unterbewusstsein in das Bewusstsein transportierte. Beim Schreiben ging es mir darum, im jeweiligen Moment daraus zu schöpfen, wie die Beschaffenheit meines Bewusstseins gerade war, währenddessen ich meine Gedanken und Gefühle mittels Worte auf Papier reflektierte, ohne diese in irgendeiner Art und Weise bewerten, verändern oder zensieren zu wollen. Ich achtete dabei bloß auf die persönliche Notwendigkeit des Prozesses an sich und auf eine künstlerisch bzw. sachlich ästhetische Ausdrucksweise.

Jeder einzelne Gedanke, jede Emotion sind ein Tor, ein Wegweiser zum Unterbewusstsein, also zu mir selbst. Ich ließ dabei die Worte fließen, um dadurch immer tiefer in meine Seele vorzudringen und mich dabei mir selbst vor Augen zu führen. Es ging um eine absolute Tiefgründigkeit, im Idealfall bis zu dem Punkt, an dem alles geschrieben worden war und keine Notwendigkeit mehr bestand, noch etwas auszudrücken. Der Prozess war sehr entspannend, er machte zeit- und situationsbedingte Verstrickungen sowie Unklarheiten in meiner Persönlichkeit sichtbar und löste diese schließlich auf, bis hin zur absoluten Kohärenz, ähnlich wie bei der Kontemplation oder Meditation oder beim Expressionismus in der Malerei.

Ich nützte diese Arbeit überdies für ein psychologisches Projekt, in welchem ich die Funktionsweise der menschlichen Kohärenz porträtierte, in Hinsicht auf das kollektive Unbewusste. Die Persönlichkeit eines einzigen Menschen kann die Persönlichkeit aller Menschen ausdrücken. Die Reflexion der temporären Beschaffenheit des Bewusstseins, unter Einbezug des Willens bzw. Egos, also der persönlichen Wünsche, ermöglicht unter Rücksichtnahme der persönlich, sozialen Ursprünge die analytische Porträtierung und somit Hinterfragung der eigenen Motive aus verschiedenen Sicht- und Denkperspektiven, welche eben auch die Vergangenheit bzw. “Vorgeschichte” bis zum Moment beinhalten.

Durch diese analytische Auflösung konnte die Sinnhaftigkeit dessen hinterfragt werden, was man meint zu glauben, zu wissen und erkennen und in weiterer Hinsicht, welche Verhaltensweisen man vorweist und plant. Es handelte sich also um eine Auflösung von Glaubenssätzen, indem ich ihnen jene Grundlage entzog, welche durch Denkfehler und unklare Einsichten in das eigene Bewusstsein entstanden. Was übrig blieb, war reiner Existentialismus bzw. Individualismus, eine Säule, auf welcher man das Leben in größerer Reinheit und Authentizität lebt. Der Existentialismus wäre ohne dem Expressionismus unmöglich. Der Expressionismus ist ein Weg zur Selbsterkenntnis und Reinheit.

Das Verhalten, sowie jegliche Interpretation und Kommunikation wurzeln in der Beschaffenheit des Bewusstseins. Die Wahrnehmung ist unmittelbar abhängig von der Interpretation und Bewertung. Wenn keine Bewertungsmuster bzw. Filtrierungen, die auf minimale Inkohärenz beruhen, mehr da sind, so sind die Wahrnehmung, das Verhalten, sowie das künstlerische und wissenschaftliche Schaffen, und nicht zuletzt das alltägliche Leben sowie die persönliche Ausdruckskraft absolut rein, klar, individuell und authentisch.

Der Prozess des Transports des Unterbewusstseins in das Bewusstsein und die damit verbundene Selbstanalyse und Reduktion der überflüssigen Zusätze und Muster schafften die Voraussetzungen dafür. Es war ein Vereinfachungsprozess bis hin zur notwendigsten Beschaffenheit des Bewusstseins und zugleich eine essentiell qualitative Erweiterung der eigenen Blickwinkel und Möglichkeiten sowie eine Sublimierung des Geistes und der persönlichen Ausdruckskraft. Diese Arbeit ging Hand in Hand mit der Komposition meiner Musik, beides war in dessen Natur ident.

Komposition ist nichts anderes als dieser Prozess, welcher in musikalischer Form stattfindet. Melodien, die für Intervalle verwendet werden, sind analog zu separaten Gedanken, Emotionen und deren Beziehungen zu verstehen, auch die noch nicht aufgelösten (unreinen) Interpretationen sind Teil davon, die in Noten gefassten Kontraste all dieser Elemente bilden das Werk. Das abgeschlossene Stück ist nichts anderes als eine kohärente Simplifizierung, ein großes Bild, welches den gesamten Verarbeitungsprozess beinhaltet. Es wird während dessen Entstehung in der menschlichen Persönlichkeit erkannt, zerlegt, porträtiert, analysiert, vereinfacht, und schließlich aufgelöst, somit also in Kohärenz gebracht, wobei am Ende die gesamte Entstehungsgeschichte sichtbar ist.

© Jürgen Angeler, 2013

By | 2016-04-30T22:58:51+00:00 April 30th, 2016|Categories: .|1 Comment

About the Author:

One Comment

  1. Alex Beck Mai 1, 2016 at 4:22 am - Reply

    Lieber Salix,
    ich danke Dir herzlich für das Teilen Deines derzeitgen Schaffens. Es hat mich tief beeindruckt. Dein eŕschaffenes Bild konnte ich nicht lesen. Ich sah mur die Bruchlinie. Ich konnte und wollte es nicht bewerten.
    Vorhin hatte ich eln nächtliches psychisches und physisches akutes Problem zu bewältigen und traf als Erstes wieder auf den mir bewussten Begriff der Kohärenz.
    Vor dem Schlafen arbeitete ich in der Meditation mit der Segnung meiner Energiezentren, um die Geleise der Vergangenheit zugunsten einer Vision der Zukunft zu verlassen…
    Mein Ego hat mich jedoch mit Terror und Angriff auf mich im Traum bedacht. Ich habe noch einen langen Weg zu gehen…
    Ićh würde mich freuen über einen Gedankenaustausch. LG alex

Leave A Comment

*

Avada WordPress Theme